Vom Wert der Philosophie im postfaktischen Zeitalter

Spätestens mit der Kür des Wortes ‚postfaktisch‘ zum Wort des Jahres wurde auch hierzulande einer breiten Öffentlichkeit bewusst, dass das aufgeklärte Zeitalter, von dem wir dachten, dass es unumkehrbar sei, alles andere als unumkehrbar ist. Dass Fakten verfälscht, uminterpretiert und ignoriert werden, ist in der Geschichte der Menschheit kein Novum, dass aber in einem aufgeklärten Zeitalter, in dem so viele Menschen wie noch nie Zugang zu Bildung und zu Informationsquellen haben, die Irrationalität, die Lüge, die Manipulation und die Ignoranz geradezu explodieren, mag auf den ersten Blick erstaunen.

Meines Erachtens ist dies jedoch eine fast logischeFolge jener Entwicklung. Denn mit dem Zugang immer größerer Schichten zur Bildung und mit der Entwicklung moderner Technologien,wird der Einzelne nicht mehr nur passiver Rezipient von Informationen, die ihm vermittelt werden, sondern er selbst kann zum Schöpfer und Verbreiter von Informationen werden.Bislang lag das Informationsmonopol bei Zeitungen, Radio und Fernsehen, wo, wenn es sich um Qualitätsjournalismus handelte, Quellen und Informationen vor ihrer Veröffentlichung von Leuten, die eine entsprechende Ausbildung hatten, zurückverfolgt und überprüft wurden. Dass eine bestimmte Faktenlage unterschiedlich interpretiert werden konnte, ist eine völlig andere Sache.

Mit dem Internet und der Entwicklung der sozialen Medien entstand jedoch ein Raum, der nicht mehr nach diesen Spielregeln funktioniert. Jeder, der schreiben kann, kann ungehindert verkünden, was er für die Wahrheit hält oder von dem er möchte, dass andere es dafür halten. Mit der Entwicklung des Internets war anfangs die Hoffnung der Demokratisierung der Welt verbunden, da Menschen ungehindert Zugriff auf Daten haben sollten. Womit die Pioniere dieser Entwicklung aber nicht gerechnet hatten, war das, womit wir heute konfrontiert sind. Der ungehinderte Zugriff auf Daten ist eben nicht nur einer auf Daten, die Fakten sind, sondern auch einer auf Daten, die schlichtweg erfunden und erlogen sind. Da in diesem Raum jedoch keine oder kaum mehr Moderatoren die Spreu vom Weizen trennen, kann sich der Fake und die Lüge massenhaft verbreiten.

Bislang galt: eine Lüge bleibt eine Lüge, bleibt eine Lüge, auch wenn sie noch so oft wiederholt wird. Doch diese Wahrheit gilt leider nur noch für denjenigen, der in der Lage ist, die Lüge als solche zu durchschauen. Und um die Lüge zu durchschauen, braucht es zweierlei: echtes Faktenwissen und die Fähigkeit zur kritischen Reflektion. Letzteres ist eines der zentralen Kernanliegen der Philosophie. Aus diesem Grund halte ich heute das philosophische Denken für wichtiger denn je. Immanuel Kant sprach einmal von der Urteilskraft, die ein Mensch benötigt. Diese lernt man aber weder durch Nachplappern, aber auch nicht durch eine pseudo-kritische Bestreitung aller Wahrheitsaussagen. Sie erwächst durch Selbstreflexion und die kritische Auseinandersetzung mit anderen Menschen, durch Nachdenken und Wissen, das durchdrungen wird.

Wo diese Fähigkeit jedoch nicht vorhanden ist, gilt leider: eine Lüge wird mit jeder weiteren Verbreitungsschleife, in der sich Menschen finden, die der Lüge glauben, ein Stückchen wahrer, bis am Ende die Lüge zur neuen Wahrheit geworden ist. Es ist zwar keine Wahrheit, die einer faktischen Überprüfung stand hält, doch sie wurde zur neuen Wahrheit eines in sich geschlossenen Kosmos, indem sie durch das gemeinsame Bekenntnis zur Lüge in den Rang der Wahrheit erhoben wurde. Überprüfbare Fakten spielen hier keine Rolle mehr, denn man ist ja in Besitz eines exklusiven Insiderwissens, das seine Bestätigung ausschließlich durch die Wiederholung erfährt.

Um zu verhindern, dass der Anteil derer, der in diesen geschlossenen Blasen lebt immer größer wird, sollten wir uns zum einen überlegen, wie wir jungen Menschen zum kritischen Denken erziehen können und wie wir als Gesellschaft mit sozialen Medien umgehen möchten.


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