Was man noch sagen darf. Die Theorie der Mikroaggression und ihre Folgen

Wieso hat eine wachsende Zahl von Menschen in Deutschland das Gefühl, nicht mehr sagen zu dürfen, was sie denkt, obwohl wir noch nie in einer Gesellschaft gelebt haben, in der so wenige Dinge tabuisiert waren, wie heute? Woher rührt dieses Gefühl und was hat es damit auf sich?

Seit dem Beginn des 20. Jh. können wir im Westen eine zunehmende Liberalisierung der Gesellschaften erleben. Diese brachte nicht nur dem Individuum mehr Freiheitsrechte, sondern der Kreis derer, die in den Genuss von Freiheitsrechten kam, erweiterte sich kontinuierlich. Frauen bekamen das Wahlrecht und wurden gleichberechtigt. Die Diskriminierung von Minderheiten wurde untersagt. Mit diesem Kampf gegen Diskriminierung und für die Gleichberechtigung marginalisierter Gruppierungen verfeinerten sich auch zusehends die Kriterien, dafür, was man als diskriminierend betrachtet.

So hat sich in den meisten modernen Gesellschaften der Diskurs von der Frage, wie man mit Formen der Diskriminierung wie Rassismus, Sexismus, Homophobie etc. umgehen soll, hin zu der Frage verschoben, was bereits als Diskriminierung gilt. Ist eine Bemerkung, die das Gegenüber als verletzend empfindet, ohne dass der Sprecher dies so meint, bereits eine Diskriminierung oder ist erst eine Beleidigung oder Herabwürdigung des Gegenübers Ausdruck von Diskriminierung? Stellt die Frage nach der Herkunft eines Menschen bereits eine Form des Rassismus dar? Ist ein Gedicht, in dem ein Betrachter Blumen, Alleen und Frauen betrachtet, sexistisch?

Wer diese Fragen mit ja beantwortet, stimmt wahrscheinlich mit den Ideen der Theorie der Mikroaggression überein. Die Theorie der Mikroaggression ist eine Form der Verfeinerung der Bewertungskriterien. Ihren Ursprung hatte sie im Kampf gegen die Diskriminierung der Schwarzen in Amerika. Dahinter steht die Erfahrung, dass Menschen nicht nur bewusst diskriminiert werden, in dem man ihnen Rechte vorenthält, sondern auch durch alltägliche Äußerungen, die indirekt eine Abwertung enthalten können, die mit der Zugehörigkeit des Anderen zu einer bestimmten Gruppe verbunden ist.

Mit der Theorie der Mikroaggression ist aber noch etwas verbunden. Sie bewertet auch nicht intendierte Formen von Aggression als Aggression. Ob ein Verhalten verletzend ist oder nicht, entscheidet allein der Adressat. Wenn er oder sie sich verletzt fühlt, ist es verletzend, auch wenn dies nicht die Intention des Gegenübers ist.

Stellen Sie sich vor, Sie verlieren Ihren Geldbeutel und ein Finder kontaktiert Sie, da er Ihnen Ihren Geldbeutel zurückgeben möchte. Sie treffen diese Person, bedanken sich und sagen: „Dass es noch einen so ehrlichen Finder gibt, hätte ich ja nie erwartet.“ Wenn Ihr Finder z.B. ein Roma ist, kann Ihr Satz bei Ihrem Gegenüber vielleicht so ankommen, „Ich hätte ja nie gedacht, dass es einen ehrlichen Roma gibt“. Ihr Gegenüber kann das Gefühl haben, dass Sie überzeugt sind, Angehörige der Roma sind prinzipiell unehrlich und klauen, da dies eine gesellschaftlich weit verbreitete Meinung ist.

Doch was ist, wenn Sie unabhängig von der Ethnie Ihres Finders einfach nur Ihrer positiven Überraschung Ausdruck geben wollten, dass es noch ehrliche Menschen gibt? Vermutlich werden Sie dann den Vorwurf der rassistischen Diskriminierung von sich weisen. Da das Bewertungskriterum für Diskriminierung in der Theorie der Mikroaggression jedoch immer das Gefühl des Empfängers einer Botschaft ist und nicht das, was der Sender intendiert, wird Ihre Verteidigung nicht akzeptiert.

Um an dieser Stelle etwas klarzustellen: Natürlich gibt es Formen von Diskriminierung, die genau auf dieser subtilen Ebene arbeiten, die die Mikroaggressionstheorie anprangert. Und ziemlich sicher werden diejenigen, die sich dieser Strategie bedienen, empört von sich weisen, etwas Übles im Schilde geführt zu haben.

Das Problem der Mikroagressionstheorie besteht jedoch darin, dass aufgrund der Tatsache, dass sich Menschen verletzt fühlen können, nun bestimmte Aussagen generell und nicht mehr situationsabhängig als mikroaggressiv und damit als diskriminierend bewertet werden. Es wird unterstellt, dass jede Aussage, die bestimmte Schlüsselbegriffe verwendet, unabhängig vom Kontext immer mikroaggressiv sei.

Um im eben genannten Beispiel zu bleiben, heißt dies aus Sicht der Vertreter der Mikroaggressionstheorie, dass Sie sich Ihres Rassismus einfach nicht bewusst sind. Um zu verhindern, dass Menschen andere nun auf diese Weise „diskriminieren“, dürfen bestimmte Dinge nicht mehr gesagt oder gefragt werden. Und das wiederum führt bei denen, die die Mikroaggressionstheorie entweder gar nicht kennen oder nicht von ihr überzeugt sind, zu dem Gefühl, dass bestimmte Sachen, nicht mehr gesagt werden dürfen.

Wer mehr dazu lesen will, kann dies in meinem neuen Buch „Warum ohne Toleranz nichts geht und falsche Toleranz alles zerstört“ tun.