Über viele Jahrzehnte schien die Entwicklung eindeutig zu sein: Moderne Gesellschaften werden säkularer. Besonders in Westeuropa konnte man sehen, wie im Zuge der Säkularisierung Religion aus Politik, Wissenschaft und dem öffentlichen Leben immer weiter verdrängt wurde. Glaube wurde zur persönlichen Angelegenheit des Einzelnen. Die großen christlichen Kirchen reagierten auf diese Entwicklung mit Anpassung. Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche versuchten im 20. Jahrhundert moderner, liberaler und gesellschaftlich anschlussfähiger zu werden.
Doch diese Modernisierung führte paradoxerweise nicht zu neuer Stärke, sondern zu einem stetigen Bedeutungsverlust. Die großen Volkskirchen verloren kontinuierlich Mitglieder und gesellschaftlichen Einfluss. Heute sind sie vielfach eher mit sozialpolitischen und ethischen Themen im öffentlichen Diskurs präsent. Religion scheint im Westen ihren historischen Zenit überschritten zu haben. Und für viele Menschen im Westen galt diese Analyse mehr oder weniger für Religion ganz allgemein.
Spätestens die Terroranschläge von Al-Qaida in den USA machten jedoch deutlich, dass diese westliche Wahrnehmung nur einen Teil der Wirklichkeit beschrieb. In vielen Regionen der Welt verlor Religion keineswegs ihre Bedeutung, sondern entwickelte sich in oftmals fundamentalistischen Formen neu.
Seit den 1960er Jahren begann in vielen islamisch geprägten Ländern eine schrittweise Re-Islamisierung des öffentlichen Lebens. Religiöse Bewegungen gewannen zunehmend gesellschaftlichen und politischen Einfluss. Seit den 2000er Jahren hat sich dieser Prozess in zahlreichen Staaten deutlich beschleunigt und sichtbar intensiviert.
Ähnliche Entwicklungen zeigen sich inzwischen auch in anderen religiösen Traditionen. In Israel gewinnen rechtsextrem-religiöse Strömungen zunehmend Einfluss. Gruppen, die ideologisch an Bewegungen wie Gush Emunim anknüpfen, träumen von einem religiös geprägten Großisrael und prägen politische Entscheidungen immer stärker mit. In Indien regiert nun schon seit geraumer Zeit eine hindufundamentalistische Partei. Auch in den USA zeigt sich, dass Religion keineswegs nur Privatsache ist. Zwar war der Einfluss evangelikaler Bewegungen in der Politik lange Zeit für Außenstehende nicht so klar erkennbar, doch spätestens seit Donald Trumps 2. Amtszeit ist offensichtlich, wie stark die religiöse Rechte Politik, Gesellschaft und öffentliche Debatten beeinflusst.
Die Rückkehr der Religion hat viele Ursachen, doch eine davon scheint besonders zentral zu sein: die Erfahrung von Unsicherheit. Moderne Gesellschaften bieten ungeahnte Freiheiten, aber oft nur wenig Orientierung. Traditionelle Bindungen lösen sich auf, Lebenswege werden unübersichtlich, Identitäten fragil. Gerade in einer Zeit permanenter Krisen – wirtschaftlich, politisch und kulturell – wächst bei vielen Menschen die Sehnsucht nach Halt. Religion bietet genau das: Sicherheit, Zugehörigkeit und Sinn.
Fundamentalistische Bewegungen sind dabei besonders erfolgreich, weil sie einfache Antworten auf komplexe Fragen geben. Sie formulieren klare Regeln, eindeutige Feindbilder und feste moralische Ordnungen. In einer Welt, die von Ambivalenz geprägt ist, wirken solche Systeme entlastend. Man muss nicht ständig neu entscheiden oder sich selbst erfinden. Die Gemeinschaft sagt, was richtig und falsch ist. Gerade junge Männer fühlen sich davon häufig angesprochen. Fundamentalistische Gruppen vermitteln Stärke, Identität und das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Sie bieten Anerkennung und Zugehörigkeit in einer Welt, in der sich viele isoliert und bedeutungslos fühlen.
Vielleicht zeigt sich gerade darin die eigentliche Ironie der Moderne: Je freier und individualisierter Gesellschaften werden, desto größer wird bei vielen Menschen die Sehnsucht nach klaren Bindungen, festen Wahrheiten und spiritueller Heimat. Religion verschwindet nicht. Sie verändert nur ihre Gestalt.